Vergessen: wie schlau ist das denn?

einzelne Schuhe am Gartenzaun „Das Vergessen, diese hohe Gottesgabe, habe ich von jeher zu schätzen, zu nützen und zu steigern gewusst.“ Johann Wolfgang von Goethe

Das Vergessen an sich ist eine interessante Sache. Wir vergessen den Schlüssel in der Wohnung und stehen nach dem Einkauf vor verschlossener Tür. Wir vergessen, die braune Mülltonne rechtzeitig an die Straße zu schieben. Das ist ärgerlich, weil wir dann weitere 14 Tage auf unserem Biomüll hocken. Doch ist das Vergessen wirklich nur ärgerlich? Ich bin über einen Artikel über die Lernfähigkeit von Mimosen gestolpert und finde: Vergessen kann weit mehr und hat durchaus erhellende Seiten!

Mimosen vergessen nicht

In jüngsten Untersuchungen australischer Biologen zur Lernfähigkeit von Mimosen stellten sie Erstaunliches fest: Mimosen vergessen nicht (1).

In der Versuchsanordnung setzten sie die hochempfindlichen Blättchen in kontrollierter Form Wassertropfen aus, woraufhin diese sich sofort zusammenzogen, ganz nach Mimosenart. Sie lernten allerdings binnen weniger Sekunden, dass die Wassertropfen keine Gefahr darstellten, und hörten auf, ihre Blätter zusammenzuziehen. So weit, so gut. Die Versuchsanordnung entspricht den Tests, in denen sonst Reaktionen und Gegenleistungen bei Tieren untersucht werden. Das Erstaunliche an den Versuchsergebnissen war eine weitere Parallele zur Tierwelt: Noch Wochen später „erinnerten“ sich die Mimosen an das in den ersten Experimenten Erlernte. Selbst dann, wenn sich die Umweltbedingungen verändert hatten. Ein weiteres Ergebnis betrifft das Licht: Wie dies in vergleichbaren Tests mit tagaktiven Tieren zu beobachten ist, lernten die Mimosen schneller unter lichtschwachen Umweltbedingungen.
Wir staunen über die Fähigkeit der Pflanzen zu lernen, ohne über gehirnartige Struktur und neurales Gewebe zu verfügen, wie Tiere es haben.

Florianne Koechlin (2) stellt die Lernfähigkeit von Organismen mit Intelligenz in Zusammenhang und zitiert dazu die Meinung verschiedene Forscher: Luzius Tamm, Leiter der Fachgruppe Pflanzenkrankheiten am Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) in Frick sagte: »Das Problem ist, dass Genetiker und Genetikerinnen häufig in linearen Denkweisen verankert und mit komplexen Systemen nicht vertraut sind. Wenn da der Begriff Intelligenz weiterhilft und eine Debatte über die Komplexität von Pflanzen und ihrem Verhalten in Ökosystemen provoziert, umso besser«.

Wer weniger vergisst, ist intelligenter?

Doch zurück zur Komplexität des Vergessens: Wer weniger vergisst, ist intelligenter?
Das wäre zu einfach und linear gedacht. Für uns Otto-Normalmenschen schwingt im Vergessen immer zuerst etwas Negatives mit:

  • Vergessen im Sinn von „Verdrängen“: Die Geschichte holt uns immer wieder ein, verdrängen kann nicht richtig sein.
  • Vergessen im Sinn von Verschlampen – kein guter Zug in Zeiten von Effektivität und ordentlicher Lebensführung.
  • Vergessen als Verlust vom Kurzzeitgedächtnis und sogar Langzeitgedächtnis: Krankheiten, die mit dem Vergessen zusammenhängen, nehmen zu und machen Angst.

Vielleicht ist gerade diese Angst vor dem Vergessen ein guter Anlass, über die positiven Aspekte nachzudenken. Dichter und Denker finden jede Menge davon:

„Die Erinnerungen verschönern das Leben, aber das Vergessen allein macht es erträglich.“ Honoré de Balsac

Das Vergessen nimmt einem die irdischen Lasten ab

Aus der griechischen Mythologie stammt die dichterische Redewendung: „Lethe trinken“ als Umschreibung für „das Vergangene völlig vergessen“. Lethe ist ein Strom der Unterwelt, einer der fünf Flüsse des Hades. Er umfließt Elysion, die Gefilde der Seligen. Von seinem Wasser trinken die Verstorbenen, um ihr irdisches Dasein zu vergessen. Das ist ein tröstliches Bild, oder nicht?

Vergessen, um zu erinnern

Im Römischen Reich führte man die sogenannte „Damnatio memoriae“ (lateinisch für „Verdammung des Andenkens“) ein. Das Austilgen oder Löschen einer Person aus der Erinnerung. Nach neueren Erkenntnissen diente diese Form der posthumen Bestrafung auch dazu, das Fehlverhalten der Person als abschreckendes Beispiel in Erinnerung zu behalten. Frei nach Michel de Montaigne:

„Nichts hält etwas intensiver in der Erinnerung fest, als der Wunsch es zu vergessen.“

Wer also auf seinen Nachruf wert legte, sorgte zu Lebzeiten dafür, nicht mit einer Damnatio memoriae belegt zu werden.

Nur wer vergisst, kommt in den Genuss eines Geistesblitzes

Bei der Informationsverarbeitung führt das Vergessen zu einer Strukturierung der Gedächtnisinhalte, so der Gehirnforscher Roy Dreistadt. Vor diesem Hintergrund erklärt er den „plötzlichen Einfall“. Das heißt, bedeutsamere Dinge werden prägnanter, unwichtige verschwinden. Voraussetzung ist natürlich, dass ein paar bedeutsame Dinge sich im Gedächtnis verankert haben. Zuerst lernen, dann das Unwichtige vergessen und das Wichtige zu einem Geistesblitz reifen lassen.
Wer entscheidet, was wichtig und was unwichtig ist? Sind es die Umstände, die Rahmenbedingungen oder ist es einfach das Licht der Sonne, das bei den Mimosen immerhin das Lernen beeinflusst?

So einfach ist es sicherlich nicht. Von den Mimosen erfahren wir, dass sowohl das Erinnern als auch das Vergessen nicht nur im Gehirn stattfindet. Als solches hat es nicht nur lästige oder krankhafte Seiten, sondern kann durchaus produktiv sein, die Erinnerung fördern oder sogar in der Folge mit Geistesblitzen die Welt erhellen.
Khalil Gibran (1883 – 1931), eigentlich Djubran Chalil, Djabran, Djibran, christlich-libanesischer Dichter, Philosoph und Maler (emigrierte in jungen Jahren in die USA, sein Lebenswerk galt der Versöhnung der westlichen und arabischen Welt), geht noch einen Schritt weiter:

„Vergessen ist eine Form von Freiheit“ Khalil Gibran.

Nutzen wir diese Freiheit, in aller Komplexität und ohne linear zu denken!

(1) In ihrem aktuellen Artikel im Fachjournal „Oecologia“ (DOI: 10.1007/s00442-013-2873-7) belegen die Forscher um Gagliano, Prof. Michael Renton, Dr. Martial Depczynski und Prof. Stefano Mancuso von der Universität Florenz, dass sich die Pflanzen sogar an Dinge erinnern und anhand dieser Erfahrungen und Fähigkeit lernen können
(2)Florianne Koechlin in WoZ 34/28.8.2003, http://www.blauen-institut.ch/s2_blue/tx_blu/tp/tpf/f_pflanzen_lernen.pdf

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